|
Ich forschte nach einer Methode, mit der bei vertretbarem Aufwand, die
passiven akustischen Eigenschaften von komplexeren
Didgeridoo-Innenformen berechenbar sind.
 |
Mit diesem Ziel im Hinterkopf startete ich Anfang 2003 ein privates
Projekt. Nach umfangreichen Recherchen in der wissenschaftlichen
Fachliteratur und nach Diskussionen mit Physikern entschied ich mich
für die Methode der Transmission-Line-Modellierung, die ich zusätzlich
mit meinen eigenen Ideen und Erkenntnissen weiterentwickelte. |
Bei dieser Methode wird ein Didgeridoo mathematisch in eine endliche
Anzahl zylindrischer und konischer Teilstücke zerlegt. Für die so
modellierten beliebigen Didgeridoo-Innenformen kann dann die
akustische Kettenmatrix im Bereich der komplexen Zahlen unter
Berücksichtigung von Innenwandrauhigkeiten gelöst werden. Man erhält
sogenannte Eingangsimpedanzspektren, aus denen die Frequenzen und der
Gegendruck des Grundtones und der Overblowreihe ablesbar sind. Durch
die trickreiche Kopplung dieser Impedanzspektren mit den jeweils
mitschwingenden simulierten Obertonspektren beim Spielen des
Grundtones oder Overblows erhält man zusätzlich die Klangspektren für
den Grundton und den ersten Overblow. Diese simulierten Klangspektren
stimmen gut mit den praktisch analysierbaren FFT-Spektrogrammen beim
Spielen der jeweiligen Instrumente überein.
Ich werde hierbei vorwiegend mit absoluten Frequenzdaten arbeiten. Um
jederzeit eine Zuordnung zu den musikalischen Tonbezeichnungen
herstellen zu können, sind in Tafel 3 den Tönen die jeweiligen
Frequenzen zugeordnet.
Tafel 3
Tonfrequenzen in Hz (temperierte Stimmung); Der
grün unterlegte Bereich zeigt die Grundtonfrequenzen bei denen die meisten Didgeridoos schwingen.
Das folgende Beispiel zeigt die Klang-Simulation eines real
ausgemessenen Didgeridoos von Walter Strasser und die dazugehörige
praktische Analyse des FFT-Spektrogramms mit einem
FFT-Analyse-Programm.

Didgeridoo von Walter Strasser; weiß:
Simulation der Overblowreihe;
grün: Simulation des Klangspektrums beim
Spielen des Grundtones;
(L=135 cm, dMund=30 mm, dBell=110 mm; Grundton E, erster Overblow A+ )
gekennzeichnet durch „singenden“ 3.Oberton bei E1 lauter als
der Grundton E1

Praktische des Analyse des FFT-Spektrums beim Spielen des
Grundtones; Der dargestellte Schallpegel
ist eine relative logarithmische Größe, die den Unterschied zwischen
Schalldrücken beschreibt. Für die Interpretation dieser Spektren ist
aber das subjektive Lautstärkeempfinden von gleichzeitig erklingenden
Frequenzen wichtig. Ohne dieses Thema weiter zu vertiefen, kann davon
ausgegangen werden, dass vom höchsten Peak (also der lautesten
Frequenz) nur noch die Frequenzen den Klangcharakter signifikant
beeinflussen, die ca. bis 40 dB unter dem höchsten Peak liegen. Alle
leiseren Frequenzen werden durch die lauteren überdeckt. D.h., für
jedes FFT-Spektrum existiert ein Schallpegelbereich (grüner
Kasten), der signifikant die Klangcharakteristik bestimmt.

Schwingungsmuster für dieses Didge
Momentane Ergebnisse des Projektes sind verschiedene
Prototyp-Software-Tools, mit denen in Abhängigkeit von verschiedenen
komplexen Innenformen die Overblowreihe und die Klangspektren des
Gruntones und 1.Overblows simulierbar/berechenbar sind.
Das folgende Beispiel zeigt die Klang-Simulation einer sehr
interessanten Innenform mit parallel verstärkten 4. und 5.Oberton. Der
erste Overblow liegt eine Oktave und einen Ton über dem Grundton und
sollte sehr leicht anspielbar sein. Der Bau eines Didgeridoos mit
dieser Klangcharakteristik mit Hilfe von geeigneter Software erzeugten
Bauschablonen ist gerade in Arbeit.

Simulation eines Didgeridoos mit parallel verstärkten 4. und
5.Oberton - weiß:
Overblowreihe; dunkelgrün: Klangspektrum des
Grundtones; hellgrün: Klangspektrum des
1.Overblows
Durch Anwendung der entwickelten Methode
ergeben sich die folgenden Möglichkeiten:
1) Didgeridoos mit komplexen Innenformen
können so projektiert werden, dass der Grundton und die spielbare
Overblowreihe vorbestimmbar sind.
2) Es können sogenannte „singende“ Didgeridoos konstruiert werden, in
denen ein oder zwei gewünschte Obertöne durch erhöhte akustische
Impedanzspitzen im Frequenzbereich von z.B. 350-600 Hz verstärkt werden. In der Szene sind solche Didgeridoos oft
eine Rarität.
3) Es sind Didgeridoos modellierbar, die ausgeprägte akustische
Impedanzspitzen zwischen den ersten Obertönen haben. Bei diesen
Frequenzen wird die Stimme besonders verstärkt und ist leichter
akzentuierter einsetzbar.
4) Von interessanten Didge-Klangcharakteristiken, die auf Tonträgern
vorliegen, können FFT-Spektren aufgezeichnet und Innenformen
modelliert werden, die den gewünschten Klangcharakteristiken sehr nahe
kommen können. Dadurch, dass die Innenformen im wesentlichen die
passiven Klangcharakteristiken bestimmen, sind auch aus den
analysierten Klangspektren prinzipiell diese Innenformen
rekonstruierbar.
5) Es sind in relativ kurzer Zeit die Klangcharakteristiken von so
vielen verschiedenen Innenformen simulierbar, die mit klassischen
Erfahrungen beim Bau einfach nicht praktisch realisierbar sind.
Trotzdem ist natürlich das Know How erfahrener Didgeridoobau-Künstler
erforderlich, um die simulierten Innenformen auch praktisch optimal
umzusetzen.
Beim Simulieren von Klangspektren vieler Hunderter
Didgeridoo-Innenformen am Computer wird klar, dass zum Teil nur durch
geringe Änderungen der Innenform sich ein „Universum“ an möglichen
Klangspektren erzeugen läßt. Das ultimative Didgeridoo, das alle
Wunschvorstellungen zu Klangcharakteristiken möglich macht, ist nicht
berechenbar, aber eine schier unüberschaubare Vielfalt von Didgeridoos
mit unikaten Klang- und Spieleigenschaften.

Falls jemand weitergehendes Interesse an dieser Thematik hat, empfehle
ich den Kauf des Buches
„Das Didgeridoo-Phänomen“. Darin sind unter dem Kapitel
„Simulation von Klangspektren komplexer Didgeridoo-Innenformen –
Computer Aided Didge Design“ der Weg zur Methode, die physikalischen
Zusammenhänge und die Möglichkeiten für den Didgeridoo-Bau ausführlich
beschrieben.
Auch zum Verständniss der gezeigten animierten
Simulationen von Didgeridoo-Klangspektren in Abhängigkeit von der
Innenform ist dieses Buch sehr zu empfehlen.

zurück nach oben
 |